In der aktuellen Debatte um die Kostenentwicklung im Schweizer Gesundheitssystem hört man oft alarmierende Schlagworte wie „Kostenexplosion“ oder „Kostenschock“. Medien und Interessenverbände wie santésuisse und curafutura nutzen diese Begriffe rethorisch, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erregen, und entsprechende Meinungen zu bilden. Dieser Ansatz mag zwar auch effektiv sein, um Clicks zu generieren und die Leserschaft zu erhöhen, jedoch spiegelt er nicht unbedingt die tatsächliche Situation wieder. Viel mehr zeugen die steigenden Kosten von einem geordneten Prozess, der bereits seit Anfang 2019, mit der klaren Definition «ambulant VOR stationär» als offizieller Auftrag des Bundesrates, seinen Anfang genommen hat.

Diese geordnete Verschiebungen von Kosten ist Teil eines strategischen Plans, der darauf abzielt, die Qualität und Zugänglichkeit der Gesundheitsversorgung zu verbessern, ohne dabei eine unkontrollierte Kostensteigerung zu provozieren. Der Schreckensruf einer „Kostenexplosion“ wird oft nicht differenziert betrachtet oder in den richtigen Kontext gesetzt, was zu Missverständnissen und unbegründeter Panik führt. Es ist daher entscheidend, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen und die Entwicklungen im Gesundheitssystem aus einer informierten und rationalen Sichtweise zu betrachten.

Physio Gesundheitswesen Kosten Januar-Februar 2024

So fragte 20 Minuten in einem Beitrag vom 3. Mai mit GLP Nationalrat Patrick Hässig, «warum Physiotherapeut:innen jetzt 9% mehr kassieren als 2023?» Korrektur: Die Physiotherapeut:innen haben nicht 9% mehr eingenommen, sonder 9% mehr behandelt.

In Anbetracht dessen ist es ebenfalls entscheidend, dass die Medien ihre Verantwortung wahrnehmen und eine differenzierte Berichterstattung anstreben. Die Reduzierung komplexer Themen auf einfache Schlagzeilen kann wie oben bereits erwähnt, zu einer verzerrten öffentlichen Meinung führen.

Die Rolle der Physiotherapie im Schweizer Gesundheitssystem: Eine Betrachtung der Kosten und Auswirkungen

Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass etwa 20% der Schweizer Bevölkerung jährlich von Ärzt:innen zur Physiotherapie überwiesen werden. Dies unterstreicht die wichtige Rolle, die physiotherapeutische Leistungen im Gesundheitswesen spielen. Trotz dieser hohen Nutzungsrate machen die Kosten für Physiotherapie nur 3.6% des gesamten Gesundheitssystems aus. Zum Vergleich: Der administrative Aufwand der Krankenkassen verschlingt etwa 5% der Gesamtkosten, was sogar 40% höher ist als die Ausgaben für physiotherapeutische Leistungen.

Fazit

Die angemessene Wertschätzung der Physiotherapie könnten zu einem effizienteren und kosteneffektiveren Gesundheitssystem führen. Dabei sollten die tatsächlichen Beiträge zur Gesundheit und zum Wohlbefinden der Bevölkerung als Massstab dienen, um die Ressourcenverteilung und Prämienstrukturierung gerechter und zweckmässiger zu gestalten. Denken wir also mehr an Netzwerke und weniger an Silos. Denken wir mehr an koordinierte Versorgung und weniger an einzelne Berufsgruppen. Wer der Frage auf den Grund geht, wieso dies nicht schon längst gelebt wird stösst auf erstaunliche Widersprüche im Umgang mit dem angeblich höchsten Gut der Menschen und muss feststellen, dass das Wohlergehen von Patient:innen dabei nicht immer im Vordergrund steht. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, politische Strategien, kommerzielle Interessen, Priorisierung von prestigeträchtigen Projekten in medizinischen Randgebieten oder die Wahrung von Definitionsmacht und Standesprivilegien stehen auf der Agenda von Verantwortlichen und Interessenvertretern noch vor der Gesundheit des einzelnen und der Bevölkerung.